Die Volkssänger
Es waren aber nicht nur die Volkssänger, die zur Verbreitung beitrugen. Das Couplet wurde zudem über die Dienstboten und Handwerker "transportiert". Diesbezüglich gab es einen regen Austausch innerhalb der Regionen und Städte. Auf diesem Weg hat sich das Couplet zudem immer wieder verändert, denn es waren ja unterschiedliche "Volksstämme", die es zum Vortrag und Verbreitung gebracht haben. Geändert hat sich dabei nicht nur die Interpretationsform und das Versmaß, sondern auch der Dialekt und die Melodie.
Zeitgleich entstand auch in Berlin die neue Form des städtischen Couplets. Bekanntester Vertreter ist hierbei Otto Reuter und die nicht minder beliebte Vortragskünstlerin Cläre Waldoff. Interessanterweise fand diese zumeist sehr süffisante, direkte und teilweise obszöne Coupletausprägung nie Eingang in die Singspielhallen und Volkssängerbühnen der bayerischen Landeshauptstadt, die ab ca.1850 in großer Zahl in München entstanden. In den Singspiel- und Bierhallen entwickelte sich erstmals eine Art Subkultur für das einfache Volk, die sich zu einem Massenphänomen entwickelte, ähnlich vielleicht dem Blues, Reggae oder auch dem Rock n Roll.
Ganz besonders die Münchner Vorstädte waren fruchtbarer Boden für die neuen Münchner Typen, die in vielen Couplets besungen wurden. Als "Stolz von der Au" oder "Lucke und Kare", wurden sie zu regelrechten Gassenhauern und gleich zu setzen mit dem heutigen Schlager. Für die bayerische Landeshauptstadt gehören diese Volkssänger zu den populärsten Aushängeschildern der Münchner Musikkultur überhaupt.
Bekanntermaßen haben in dieser Zeit viele hundert Volkssänger erfolgreich agiert, doch sind nur wenige Dutzend davon mit gesicherten biographischen Daten greifbar. Absolute Stars waren damals zum Beispiel, "Papa" Geis, Alois Hönle, August Junker oder Anderl Welsch. Bekanntere Vertreter dieses wichtigen kulturhistorischen Kapitels, wie Karl Valentin und der Weiß Ferdl folgen erst später.
Alle hatten aber eins gemeinsam, sie standen fast allabendlich auf den vielen Münchner Bühnen, im Oberpollinger (das heutige Kaufhaus), im Frankfurter Hof, Collosseum, Apollo, Monachia Brettl oder im Alten Simpl. Hierhin gingen die Münchner, wenn sie sich für die Entbehrungen der ganzen Woche entschädigen wollten. Die Darbietungen wechselten meist vierzehntägig. Für einen solchen Zeitraum wurden Volkssänger und Gemeinschaften engagiert. Mit lustigen und teilweise sehr derben bäuerlichen Szenen, Couplets und Humoresken unterhielt man sein Publikum.
Doch es gab auch die "anderen" Interpreten, denn lausige Zeiten waren das damals, als die Münchner Volkssänger ihre große Zeit hatten. Und man drückte in Couplets, Wut. Entsetzen, Freude und Trauer aus. Angriffe auf Autoritäten waren allgegenwärtig. Volkssänger sangen und interpretierten spontane Strophen mit radikaler Kritik. Den Reichen und Protzen wurde mit Verachtung begegnet, vor dem Fortschritt, auf Kosten des kleinen Mannes, wurde gewarnt. Die Volkssänger erfüllten somit auch eine wichtige soziale Funktion.
Bis in die Zeit des ersten Weltkrieges zählten in München die Darbietungen der Volkssänger zur Massenunterhaltung. Sie waren ebenso beliebt wie heute die Fernseh- und Kinoprogramme. Weit mehr als 800 hauptamtliche Volkssänger waren 1905 in München gemeldet.
Einige wenige Volkssänger wirkten noch bis in die 1960er Jahre; da gab es beispielsweise den Emil Vierlinger, die Bally Prell (Schönheitskönigin von Schneizlreuth), die Anni Reininger, die Seffi Braun, die Ratschkathln, Ida Schumacher und Kathi Prechtl sowie den Roider Jackl. Mit ihnen war sie so gut wie verschwunden, die "wirtshausgemachte, satirisch-kabarettistische Volkslustbarkeit" oder besser gesagt, das legendäre Volkstheaterkabarett.
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