Die Couplet-AG

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Couplet & Volkssänger
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Bayerische Staatszeitung Nr. 24 - Umschau - Freitag, 11. Juni 2004

"Münchner Blut"

Alfons Schweiggert berichtet über die Renaissance des Couplets

Spricht man heute von Couplets, denkt man immer zuerst an Otto Reutter, Wilhelm Bendow und Claire Waldoff, die wohl bekanntesten Humoristen des deutschen Varietés zwischen 1900 und 1930. Noch heute kann man insbesondere die Werke Reutters, des unübertroffenen Meisters dieser Liedform auf modernen Tonträgern hören. Couplets wie "Der Überzieher" oder "In 50 Jahren ist alles vorbei" amüsieren das Publikum auch noch im neuen Jahrtausend so wie vor bald 100 Jahren. Was den Norddeutschen recht ist, ist den Bayern billig. Sie können stolz auf Karl Valentin sein, einen weiteren Großmeister des Couplets, der wie Otto Reutter aus den Volkssängern hervorging. Kein Wunder, dass Valentin seinen Berliner Kollegen hoch schätzte und ihn mit den Worten lobte: "Den mog i, des is a ganz a Großer!"

Von Karl Valentin sind 115 Couplets überliefert, die Varianten nicht mitgerechnet,darunter so bekannte Titel wie "Ja, so warns die altn Rittersleut", "Rezept zum russischen Salat", "Blödsinn-Verse" oder das "Chinesische Couplet". Zu Beginn von Valentins Karriere war die große Zeit der Münchner Volkssänger allerdings schon vorbei, und auch die Kunst des Couplets begann zu verblassen. Die ehemaligen Protagonisten wie Papa Geis (1840-1908) und der von Valentin hoch verehrte Karl Maxstadt (1853-1930), der selbst an die 600 Couplets verfasst hatte, hinterließen ihre Spuren zweifellos in Valentins Werk.

Natürlich wurde das Couplet nicht erst im 19. Jahrhundert erfunden. Bereits im Mittelalter kannte man diese Kunstform. Man verstand darunter eine Balladenstrophe zwischen dem gleich bleibenden Refrain, der die Strophen miteinander verknüpfte. Diese Verknüpfung kommt auch in dem lateinischen Wort "Copula" - Verknüpfung" zum Ausdruck, aus dem sich dann der Begriff Couplet entwickelte.

Seit dem 12. Jahrhundert waren die mittelalterlichen Couplets als erzählende Lieder bekannt, die von den Troubadouren zum Tanz vorgetragen wurden. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts enthielt, diese Liedform im Rahmen einfacher musikalischer Stegreifspiele bereits auch aktuell-satirische oder gar frivole Anspielungen. Mit Entstehung des Deutschen Singspiels gelangte das Couplet schließlich in die Vorstädte zu den "kleinen Leuten".

Im Französischen meint "couplet" ein witzig satirisches Lied mit Kehrreim, das besonders im Kabarett zu hören war. Das französische "coup", also "Stoß, Schlag, Hieb", weist zudem auf die boshaften Seiterhiebe hin, die diese ketzerischen und zeitkritischen Musikminiaturen rücksichtslos verteilen.

In den Wiener Vorstadttheatern kamen die Zauberpossen eines Ferdinand Raimund und Johann Nestroy mit eingefügten Couplets zur Aufführung und begeisterten das Publikum. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts etablierten sich diese Possen auch im Münchner Volkstheater. Wie in Wien vermochten nunmehr auch Münchner Coupletsänger blitzschnell auf das Tagesgeschehen zu reagieren, indem sie aus dem Stegreif Strophen verfassten, die brandaktuelle Kritik an öffentlichen Missständen, an korrupten und machtgierigen Amtspersonen äußerte, was das Publikum bei der abendlichen Darbietung zu Lachstürmen hinriss. Die Couplets fanden auf diese Weise auch ins Münchner Volkssängertum rasch Eingang und ergänzten den bereits bestehenden Volks- und Moritatengesang. In der heute noch existierenden Sammlung "Münchner Blut", was soviel wie "Münchner Lebensart" bedeutet, sind 429 Titel enthalten.

Einen entscheidenden Einschnitt für das Münchner Couplet stellte dann fraglos der Erste Weltkrieg dar. Nach 1918 ließen neue Formen der Unterhaltung, außerdem die sich fortwährend ausweitende Kulturideologie des "Dritten Reiches" und schließlich auch noch der Zweite Weltkrieg das Couplet immer mehr zum Museumsstück werden, das in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit keinen Anklang mehr zu finden schien.

Einer vierköpfigen Gruppe kabarettistisch hochbegabter Künstler aus München, die unter dem Namen Couplet-AG, das heißt "Couplet-Arterhaltungs-Gesellschaft", seit zehn erfolgreichen Bühnenjahren weit über tausend Auftritte absolvierte, ist es zu verdanken, dass die alten Couplets dem Vergessen entrissen wurden. Auf ihrer neu erschienenen CD "Münchner Blut" präsentieren Jürgen Kirner, Annamirl Spies als Sänger, musikalisch begleitet von Hans Dettendorfer und Bernhard Gruber, zahlreiche hinreißende Couplets aus der historischen "Münchner Blut"-Sammlung. Dazu kreierten sie in der Tradition der Münchner Volkssänger auch Couplets mit neuen aktuellen Texten, die für sie von Beginn ihrer Karriere ein ideales Transportmittel für beißende Satire und bayerische Hinterfotzigkeiten darstellten. Allen Liedern ist anzumerken, dass sie ihre "Lehrmeister", die fahrenden Bänkelsänger, die Possenkomiker und die Volkssänger genau studiert haben. In deren Tradition und doch ganz eigen, bemühen sich die vier, aus der Mottenkiste der gepflegten Volksmusik entrissene Couplets hinsichtlich der sprachlichen und künstlerischen Substanz zu erneuern und sie in ihrer ganzen aggressiven Lebenslust dem Publikum ungehemmt und ungehobelt zu offerieren. Durch ihre Interpretation belebt sich das Couplet erneut zu einer humorvoll-kritischen Tages- und Zeitbetrachtung.

So begabte Komödianten wie die Mitglieder der Couplet-AG erreichen ihre Lacherfolge nicht nur durch die dargebotenen Inhalte, sondern immer auch dadurch, dass sie ihre Geschichten gekonnt erzählen, Situationen und Personen prägnant charakterisieren und für jedes neue Thema jedesmal eine neue metrische Form finden. So verstehen es Jürgen Kirner und Annamirl Spies bestens, höchst originell zu imitieren, zu parodieren und dadurch den Vortrag auf ein qualitativ anspruchsvolles schauspielerisches Niveau zu heben. Sie arbeiten die dem Couplet innewohnende sprachliche Schöpferkraft heraus und verdeutlichen, dass in diesen Liedern der Volksmund sozusagen direkt mitdichtet. Was für, die Sprache und den Volkswitz zutrifft, hat auch für die Musik Gültigkeit. Die Melodien stellen treffliche, gelungene Vertonungen dar, die sich Anregungen dazu beim Volkslied holen. Auf dieses Weise prägen sich Text und Gesang sofort dem Gedächtnis, ein und regen auch zum Mitsingen an.

Die Couplet-AG entstaubt auf diese Weise gekonnt die traditionelle, Kunstform, des Couplets, füllt sie mit neuem Leben und verdeutlicht überzeugend, dass mit diesen Liedern auch noch heute ein vergnügliches Glossarium menschlicher Torheiten und Unzulänglichkeiten dargestellt werden kann. Das Publikum lacht darüber wie in alten Zeiten und solange darüber gelacht wird, bleiben Couplets auch modern.

 
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